Profil anzeigen

ahavta basic || Der jüdische Christus und die Trinität

ahavta
ahavta basic || Der jüdische Christus und die Trinität
Von Ricklef Münnich • Ausgabe #125 • Im Browser ansehen
Schalom,
eher ungewöhnlich war die Zahl der Reaktionen auf meinen jüngsten Mitgliederbrief. Es ging um Jesus den Juden und was dieser mit judenfeindlichen Darstellungen an und in christlichen Kirchen zu tun hat. Ich komme daher nochmals darauf zurück, aber auch, weil der Bundesgerichtshof inzwischen sein Urteil zu der Wittenberger Schmähplastik („Judensau“) gesprochen hat.
Am vergangenen Sonntag feierten Christen „Trinitatis“, die Dreieinigkeit Gottes. Laut Evangelischer Kirche in Deutschland (EKD) gehört sie „zu den rätselhaftesten Themen des christlichen Glaubens“. Mit der Verstehenshilfe „Judentum und Christentum sind eine Religion“ freilich kann die Dreifaltigkeit, die stets als Hindernis im christlich-jüdischen Gespräch galt, auch ganz einfach und einleuchtend werden.
Von David Flusser hatte ich den Satz von der einen Religion aufgenommen. Darum besuchen wir den Gelehrten heute in seinem Arbeitszimmer. Der frühere Propst zu Jerusalem, Uwe Gräbe, nimmt uns mit…
Auf eine weitere jüdische Stimme zu Jesus mache ich dich aufmerksam, den israelischen Schriftsteller Chaim Noll.
In Israel haben wir uns gestern auch bei Johannes Gerloff unter den Feigenbaum gesetzt.
Was ist sonst los in Israel? Joram Oppenheimer sprach mit mir über den unsichtbaren Krieg im Nahen Osten.
Eine gute Woche wünscht dir herzlich
dein Ricklef Münnich
PS: Zum dritten Mal erscheint hiermit „ahavta basic“. Nicht alle Beiträge des Mitgliederbriefes ahavta+ sind enthalten.

Jesus Christus mit Judenhut im Psalter Ludwigs des Heiligen (um 1272)
Jesus Christus mit Judenhut im Psalter Ludwigs des Heiligen (um 1272)
Spottbild zu Wittenberg: Vom Schandmal zum Mahnmal?
Vor einer Woche schrieb ich über einen von Juden abgehobenen und distanzierten Jesus am Eingang des Bremer Doms, der es ermöglicht, Juden verächtlich zu machen:
Während des Bremer Kirchentags 2009 wurde schließlich das Domportal „zum Mahnmal umfunktioniert“, wie eine Bremer Zeitung schrieb, und eine Gedenktafel neben dem Eingang angebracht.
Genau dasselbe billigte der Bundesgerichtshof nun dem die Juden verhöhnenden Schwein an der Wittenberger Stadtkirche zu: Zwar sei das Relief „in Stein gemeißelter Antisemitismus“, doch das Bodenrelief von 1988 und eine Informationstafel würden aus dem „Schandmal“ ein „Mahnmal“ machen – das „Judensau-Relief“ darf bleiben.
Die Wirkung eines Bildes kann man so leicht jedoch nicht umdrehen! Und aus einer judenfeindlichen oder -distanzierten Kirche der Vergangenheit wird durch einige Texte und Erklärungen von Kirchenparlamenten und Bischöfen noch keine Kirche, die ihrem jüdischen Herrn und Meister folgt.
Rafael Seligmann schreibt daher bei Cicero mit Recht:
Verschwurbelte Erklärungstafeln etc. sind lediglich Dokument der Hilflosigkeit. (…) Hat sich nicht ein Gottesmann überlegt, was der Jude Jesus beim Anblick des Standbildes empfunden hätte?
„Kein salomonisches Urteil“ nennt ebenfalls bei Cicero der Oldenburger Professor Volker Boehme-Neßler die Entscheidung des BGH:
Jetzt liegt der Ball wieder im Feld der Kirche. Sie hat es in der Hand, durch eine kluge Entscheidung den öffentlichen Raum zu befrieden und einen souveränen Beitrag zur Antisemitismusdebatte und zur kritischen Kirchengeschichte zu leisten. Bisher hat sie das nicht getan. Ihr Umgang mit dem Problem ist von Anfang an kleinlich, bürokratisch und rechthaberisch. Sie hat sich einem echten Gespräch verweigert und sich hinter rechtlichen Argumenten versteckt. Das wirft kein gutes Licht auf eine Institution, die doch eigentlich offen, zugewandt und christlich sein will. Vielleicht schafft es die Kirche jetzt, dieses Urteil nicht als juristischen Sieg zu verbuchen, sondern als Chance, das Problem der „Judensau“ an der Wittenberger Kirche großzügig, geschichtsbewusst, selbstkritisch und souverän zu lösen. Dann wäre etwas gewonnen – für die Kirche als Institution und die Gesellschaft insgesamt.
Mittelalterliche Darstellung von Jesus mit Judenhut
Mittelalterliche Darstellung von Jesus mit Judenhut
Herunter vom Podest der Gleichgültigkeit
Eine Leserin aus Magdeburg schrieb mir:
Ich glaube, auch bei denen, die – wie ich auch – der Meinung sind, ein Spottbild wie an der Wittenberger Stadtkirche, sollte bleiben (aber natürlich mit deutlicher Ablehnung und Verdammung), haben Gründe, die in die Tiefe gehen – weil nämlich nichts und auch nicht das Entfernen und Zuhängen oder ins Museum-Bringen die große Schuld wegwischen kann, die diese Bilder symbolisieren, und diese Schuld hat sich ja durch so viele Jahrhunderte (und bis heute auch noch) immer und immer wiederholt. Darum müssen wir sie doch vor Augen behalten, um nicht zu vergessen, um wieder und wieder erinnert zu werden, und unsere Reaktion darauf – Schuldbekenntnis, Absage an Geist und Inhalt dieser Bilder – muss in diesen Kontext gestellt und dort klar und öffentlich deutlich gemacht werden (und es muss ein Bekenntnis der Kirche sein, nicht eine Aussage in einem Museum).
Ich stimme zu. Für eine Entfernung des Schmähreliefs hatte ich übrigens gar nicht plädiert. In meiner Antwort nach Magdeburg versuchte ich, mein Anliegen zu verdeutlichen:
Ich meine vielmehr: So lange die christliche Gemeinde sich nicht selber und nicht ihren Herrn Jesus Christus verhöhnt und beleidigt sieht, stimmt etwas noch nicht. Und das wird nicht durch Texte und Erklärungen geändert, sondern nur durch einen Lern- und Umkehrprozess, der den Juden Jesus und den jüdischen Charakter der eigenen christlichen Identität erkennt und lebt und verwirklicht.
Und davon sind wir weit entfernt. Und weil und solange das so ist, wirken die Bildwerke weiterhin unheilvoll. Und nur solange ist zu erwägen, diese Wirkung durch Verhängen oder Abhängen zu unterbinden.
Nicht eine äußere Distanzierung und Umfirmierung in ein Mahnmal ist erforderlich, sondern eine Veränderung innen, im Glauben und Leben der einzelnen wie der Gemeinde. Die Gemeinde muss sich „umfirmieren“. Sie selbst muss zum Mahnmal werden.
Wie das praktisch gehen könnte?
Ich habe einen Vorschlag. In Bremen und Wittenberg und Magdeburg wird zu Beginn jeden Sonntagsgottesdienstes ein Bekenntnis der Gemeinde auf Grundlage von Schuld und Umkehr gesprochen. Nicht nur ein negatives Bekenntnis der Distanzierung von (eigener) Judenfeindschaft, sondern vor allem ein positives Bekenntnis zu Jesus dem Juden und zu den Jüdinnen und Juden als Geschwistern im Glauben. Das Bekenntnis könnte enden mit einer Selbstverpflichtung zu Lernen und Tun.
Dreifaltigkeitsikone von Andrej Rubljow, um 1411
Dreifaltigkeitsikone von Andrej Rubljow, um 1411
TRINITÄT. Das einzig Verlässliche, was wir von Gott wissen.
Dieser Beitrag ist den Lesern von ahavta+ vorbehalten. Du bekommst ihn umgehend, wenn du ahavta+ für mindestens einen Monat bestellst.
Als Student und Zitronendieb bei David Flusser
David Flusser
David Flusser
Mit „Studium in Israel“ hat Uwe Gräbe im 11. Jahrgang 1989/1990 so wie auch ich (im 1. Jahrgang 1978/1979) ein Studienjahr in Jerusalem verbracht. Später wurde Gräbe Propst zu Jerusalem (2006 bis 2012. Heute wirkt er als Nahostreferent der Evangelischen Mission in Solidarität (EMS) und Geschäftsführer des evangelischen Vereins für die Schneller Schulen (EVS).
In der „Festgabe für Michael Krupp zu seinem 80. Geburtstag“, die diesem 2018 unter dem Titel „Grenzgänger“ überreicht wurde, erinnert sich Uwe Gräbe daran, wie er Gnade unter den strengen Augen des Meisters erlangte. Ich finde seine Notizen so amüsant wie aufschlussreich. Vielleicht geht es dir ebenso…
Dieser Beitrag ist den Lesern von ahavta+ vorbehalten. Du bekommst ihn umgehend, wenn du ahavta+ für mindestens einen Monat bestellst.
Widerspruch zwischen dem Jüdischsein ihres Heilands und dem Judenhass der Kirche
Die Website „Die Achse des Guten stellt in loser Folge die „100 größten Querdenker“ bzw. „Berühmte Querdenker“ vor. Für den im Negev lebenden Schriftsteller Chaim Noll gehört auch „Jeshua ben Josef, genannt Jesus Christus“ dazu.
Als Jude kann er sich besonders gut in den Juden Jesus einfühlen; es gelingen ihm eindrückliche Sätze:
Seine Auslegungen galten scheinbaren Paradoxien, deren Stoff er der hebräischen Bibel entnahm und spielerisch zuspitzte: Freiheit durch Verzicht, Seligkeit durch Leid, Triumph durch Feindesliebe, Gewinn durch Verlust. So nährte er Hoffnungen auf radikale Veränderung, plötzliche Umkehrung der Verhältnisse
Dadurch, dass er die Lehre popularisierte, wirkte er subversiv – jedenfalls in den Augen derer, die aus ihrem Wissen ein Geschäft machten.
Zu unrecht hat das Christentum seinen Tod den Juden angelastet und damit einen unsinnigen Hass gegen das Volk evoziert, dem er entstammt. Der Widerspruch zwischen ihres Heilands Jüdischsein und ihrem Judenhass hat die Kirche in schwere Konflikte gestürzt und ihre Legitimation beschädigt.
Kaum ein Mensch hat so viel Unruhe und Kontroverse ausgelöst, dabei war alles, was er sagte und tat, auf das Gegenteil gerichtet, auf Gerechtigkeit und Versöhnung. Sein Beispiel zeigt, dass ein guter Mensch ein für die Menschheit kaum zu bewältigendes Problem darstellt.
Hier kannst du Chaim Nolls Kurzbiografie des Jesus von Nazaret lesen:
Berühmte Querdenker: Jeshua ben Josef, genannt Jesus Christus – DIE ACHSE DES GUTEN. ACHGUT.COM
Sonntags in Jerusalem
Johannes Gerloff und ich luden zur siebzehnten Folge unserer Gespräche „unter dem Feigenbaum“ ein. In guter Gesprächsgemeinschaft wie gestern können auch „schwerere“ Themen angeschnitten werden.
Was bedeutet das christliche Bekenntnis zum dreieinigen Gott im Verhältnis zum jüdischen Volk? Wie kann es auch jüdisch verstanden werden? Ist die Trinität Gottes nur ein Bild vielleicht? Und das Verbot sich ein Bild von Gott zu machen?
Im zweiten Teil sprachen wir über judenfeindliche Bilder an und in christlichen Kirchen. Anlass ist die Wittenberger „Judensau“, die ganz offen Juden verhöhnt. Wie können wir mit diesem Teil der Kirchengeschichte umgehen? Ignorieren jedenfalls ist gar kein Weg. Hat die Christengemeinde eigentlich schon den Schmerz gespürt, der ihre Haltung zum jüdischen Volk für Juden immer noch bedeutet?
Du kannst dir die Aufzeichnung ansehen:
Sonntag in Jerusalem „unter dem Feigenbaum“ mit Johannes Gerloff am 19. Juni 2022
Sonntag in Jerusalem „unter dem Feigenbaum“ mit Johannes Gerloff am 19. Juni 2022
Der unsichtbare Krieg
Seit vielen Jahren bereits findet zwischen Iran und Israel ein unerklärter Krieg unter der Oberfläche des politischen Geschehens statt. In den letzten Wochen folgen die Aktionen darin in kürzeren Abständen. Die Situation scheint sich zuzuspitzen.
Daher habe ich Joram Oppenheimer in Herzliya in Israel gefragt, wie er die Lage beurteilt.
Er weist daraufhin, dass der Iran mit seinem klaren Ziel, atomwaffenfähig zu werden, nicht nur den Staat Israel im Visier hat, sondern auch auf seine Nachbarn schaut. Von diesen besitzen mehrere, wie zum Beispiel Indien und Russland ebenfalls eine atomare Bewaffnung. 
Israel setzt alles daran, das Streben des Iran, die Atombombe zu bauen, zu sabotieren. Umgekehrt verstärkt der Iran mit sehr viel Geld seinen Einfluss in den Ländern um Israel herum. Joram nennt den Jemen, Syrien, Irak und den Libanon. 
Das Gespräch ist als 11. Folge der Reihe „ma hamazaw? Was ist los in Israel?“ auf YouTube veröffentlicht.
Was ist los in Israel? Der unsichtbare Krieg
Was ist los in Israel? Der unsichtbare Krieg
Unterwegs zu Fuß, in Auto oder Bahn kannst du das Gespräch mit Joram Oppenheimer auch als Podcast hören. Hier die Links zu den bekanntesten Anbietern: was-ist-los-in-israel.captivate.fm/listen.
Hat Dir diese Ausgabe gefallen?
Become a member for €10 per month
Don’t miss out on the other issues by Ricklef Münnich
Ricklef Münnich

Mit „ahavta  - Begegnungen“ bringe ich dir als evangelischer Pfarrer die Lebenswirklichkeit Israels nahe. Online-Vorträge und Gespräche zeigen dir jüdisches Leben mit der Tora in Deutschland.

You can manage your subscription hier
Wenn Dir dieser Newsletter weitergeleitet wurde und er Dir gefällt, kannst Du ihn hier abonnieren.
Powered by Revue
ahavta - Begegnungen | www.ahavta.com | Mit ❤️ aus der Lüneburger Heide