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Von Ricklef Münnich

ahavta basic || Trauer

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ahavta basic || Trauer
Von Ricklef Münnich • Ausgabe #129 • Im Browser ansehen
Schalom,
am vergangenen Dienstag ist der evangelische Theologe und langjährige Leiter des Berliner Institutes Kirche und Judentum, Professor Dr. Peter von der Osten-Sacken, in Berlin verstorben.
Mit ihm habe ich den Lehrer vom Beginn an meines theologischen Studiums 1975 an der Kirchlichen Hochschule Berlin und bis zum heutigen Tage verloren.
Er war mein Lehrer als Ausleger des Neuen Testamentes im Kanon der Bibel, in der Welt des Judentums und in seiner Wirkungsgeschichte in Theologie, Kirche und Gemeinde. Ebenso freilich als (nie zu erreichendes) Vorbild darin, wie ein Mensch sein sollte – sensibler Zuhörer und Gesprächspartner, in seinen reichen Gaben und Talenten ungemein bescheiden, demütig gegenüber allem, was das Leben an Geschenken und Lasten auferlegt, fleißig und diszipliniert, genau und präzise, unbestechlich und ohne überflüssige Worte, treu. Mit all dem und mehr war er mir ein Freund.
Mit dieser Ausgabe von ahavta+ nehme ich Abschied von ihm. Unvollkommen und anfangsweise. Denn er wird weiterhin in allen künftigen Beiträgen von mir gegenwärtig sein. Möge sein Andenken darin zum Segen werden, זיכרונו לברכה.
Nun ist Peter von der Osten-Sacken vor dem Angesicht des EINEN, den er in seinem Sohn Jesus von Nazaret auf einzigartige Weise gekannt und verstanden hat. Möge daraus ein erkannt und erstanden werden!
Traurig und dankbar, dein Ricklef Münnich
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„Eine Kirche, die nichts weiß, die nichts wissen will von Israel, ist eine leere Hülse“
Karl Ludwig Schmidt am 14. Januar 1933 in seinem Gespräch mit Martin Buber im Jüdischen Lehrhaus in Stuttgart
Mit seinem Lebenswerk tat Peter von der Osten-Sacken alles, um nach der Schoa diese Aussage in ein positives Gegenteil zu wenden.
Peter von der Osten-Sacken (links) und Pierre Lenhardt NdS beim gemeinsamen Seminar in Jerusalem
Peter von der Osten-Sacken (links) und Pierre Lenhardt NdS beim gemeinsamen Seminar in Jerusalem
Peter von der Osten-Sacken & Pierre Lenhardt
Wir Christen sind grundsätzlich auf die Juden angewiesen. Und mehr noch als der Dialog ist das Studium jüdischer Texte wesentlich, um unser eigenes christliches Leben zu bereichern. (Pierre Lenhardt)
Pierre Lenhardt NdS (1927–2019) hat als Ordensbruder dieses Bekenntnis gelebt wie wohl niemand anderes.
Nicht dem Judentum als solchem habe ich mein Leben gewidmet, sondern dem Wort Gottes, das durch die Tradition Israels spricht.
In den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts (und danach) gab es vermutlich keinen Christen, der die rabbinischen Traditionsliteratur besser kannte als Pierre Lenhardt. Mit ihm begann Peter von der Osten-Sacken Seminarwochen in Jerusalem für Studierende der Theologie durchzuführen. Für mich die erste Begegnung mit der mündlichen Tora Israels und ihren Lehrern. Eine faszinierende Welt öffnete sich und das wurde lebensverändernd, nicht nur für mich.
Studium in Israel
Im Staat Israel jüdisches Denken und Leben in Geschichte und Gegenwart zu lernen – Peter von der Osten-Sacken wusste aus eigener Erfahrung, wie wichtig dies ist, seitdem er selbst als Kieler Student erstmals 1962 im Kibbuz Sarid gearbeitet hatte.
Aber eine Woche Lernen bei einem Seminar in Jerusalem? Viel zu wenig! Es war Peter von der Osten-Sacken, der 1978 mit anderen Studium in Israel. Ein theologisches Studienjahr an der Hebräischen Universität Jerusalem ins Leben rief. Es ist lebendig bis heute.
Ich selbst durfte im ersten „Pionier-Jahrgang“ (und als Studienbegleiter nochmals im Jahrgang 4) dabei sein.
Das Ratisbonne-Kloster in Jerusalem, in dem „Studium in Israel“ die ersten Jahre zuhause war
Das Ratisbonne-Kloster in Jerusalem, in dem „Studium in Israel“ die ersten Jahre zuhause war
Wie wirksam dieses Studienprogramm geworden ist, zeigt die Festschrift, die 2018 zum vierzigjährigen Bestehen mit 436 Seiten unter dem Titel „Alles wirkliche Leben ist Begegnung“ erschienen ist. Dort findet sich auch der Abschlussbericht des ersten Jahrgangs von Studierenden.
Du liest ihn im Mitgliederbrief ahavta+.
Der Vorsitzende des heutigen Studium in Israel e.V., der Göttinger Professor Dr. Bernd Schröder, hat eine Anzeige der Trauer um Peter von der Osten-Sacken veröffentlicht, in welcher auch auf die Trauerfeier am Mittwoch, dem 13. Juli 2022, um 14 Uhr in der Berliner Sophienkirche hingewiesen wird:
Die genannte Festschrift erschien als Band 10 der Reihe Studien zu Kirche und Israel. Neue Folge (SKI.NF), herausgegeben von dem Institut Kirche und Judentum (IKJ). Damit ergibt sich für mich ein zwangloser Übergang zum hauptsächlichen Arbeitsfeld Peter von der Osten-Sackens im Verlauf von 33 Jahren. Denn von 1974 bis 2007 ist er dessen Institutsleiter gewesen.
Institut Kirche und Judentum
Günther Harder, der bereits ab 1936 in der Bekennenden Kirche als Dozent für Neues Testament an der illegalen Kirchlichen Hochschule Berlin tätig war, gründete 1960 das Institut Kirche und Judentum an der KiHo, wie die Hochschule von Studenten zumeist liebevoll genannt wurde. Wikipedia stellt richtig fest: „Früher als die meisten anderen evangelischen Theologen lehrte er die bleibende Erwählung des jüdischen Volkes.“
Sein Nachfolger wurde 1974 Peter von der Osten-Sacken. Unter ihm wurde das Institut Kirche und Judentum zu einer weit über akademische Grenzen hinaus bekannten Einrichtung. Einen wichtigen Beitrag dazu leistete die von ihm 1987 eingerichtete internationale christlich-jüdische Sommeruniversität. Über diese schrieb ich 2005:
Sommeruniversität heißt am Institut Kirche und Judentum: Ein knappes Dutzend christlicher und jüdischer Dozentinnen und Dozenten aus England, Israel, den USA und Deutschland unterrichten eine Woche lang unter einem gemeinsamen Oberthema. Abendvorträge ergänzen das Programm, den Abschluss bildet ein gemeinsamer christlich-jüdischer Gottesdienst. Bis zu 240 Teilnehmer hielten sich solch eine Woche jeweils im Kalender frei, wie ich oft nur mit Mühe, waren doch neben Studierenden immer auch Pfarrer und schlicht Interessierte dabei.
Das Wesentliche geschah … oft unbemerkt im Hintergrund. Hier war es die ganz persönliche Brückenbauarbeit des Institutsleiters. Ohne dieses Versöhnungswerk, besser: ohne den Menschen Peter von der Osten-Sacken, hätte etwa ein Rabbiner wie Dr. Sanford Ragins aus Los Angeles sich niemals durchringen können, mit christlichen (und deutschen) Studierenden zu arbeiten.
Über die Sommeruniversitäten entwickelten sich tiefe Freundschaften zwischen jüdischen Lehrenden aus Israel und den USA mit dem Organisator, die wiederum reiche Frucht in der Publikationstätigkeit des Institutes fanden.
Der Selbstverlag des Instituts Kirche und Judentum, dessen Veröffentlichungen heute von der Evangelischen Verlagsanstalt in Leipzig fortgesetzt werden, war ein bis heute nur unzureichend gewürdigtes Wunder in der Bücherlandschaft. Mein Staunen über die Arbeit des Verlagsleiters Peter von der Osten-Sacken habe ich 2005 – auch dies unzureichend – zum Ausdruck gebracht.
Du liest dieses im Mitgliederbrief ahavta+.
Geschichte, Ziele und Perspektiven des Institut Kirche und Judentum beschrieb dessen Leiter selbst im Jahr seiner Emeritierung 2005 als Professor für Neues Testament und Christlich-Jüdische Studien an der Humboldt-Universität zu Berlin.
Im Mitgliederbrief ahavta+ findest du den Zugang dazu.
Buber-Rosenzweig-Medaille 2005
Würdigung fanden jedoch sowohl Peter von der Osten-Sacken wie das Institut Kirche und Judentum, als beide zur Eröffnung der Woche der Brüderlichkeit 2005 in Erfurt mit der Buber-Rosenzweig-Medaille des Deutschen Koordinierungsrates der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit ausgezeichnet wurden.
Urkunde zur Verleihung der Buber-Rosenzweig-Medaille 2005
Urkunde zur Verleihung der Buber-Rosenzweig-Medaille 2005
Die Laudatio hielt der damalige Bundesminister des Innern Otto Schily. Auch die Ansprache des Preisträgers kannst du lesen.
Die Woche der Brüderlichkeit stand 2005 unter dem Motto „Prüfet alles, das Gute behaltet“ (1. Thessalonicher 5,12). Für das Themenheft des Deutschen Koordinierungsrates steuerte Peter von der Osten-Sacken einen Grundsatzbeitrag zum Verhältnis von Christen und Juden und neuen Perspektiven in Exegese, Theologie und Kirche bei.
Du kannst ihn laden und lesen im Mitgliederbrief ahavta+.
Mit Jérôme Boateng auf einer Bühne
Mit dem Moses-Mendelssohn-Preis ehrt das Land Berlin alle zwei Jahre Menschen, die sich für die „Förderung der Toleranz gegenüber Andersdenkenden und zwischen den Völkern und Religionen“ einsetzen. 2016 ging die Auszeichnung an den Fußball-Nationalspieler Jérôme Boateng und Peter von der Osten-Sacken.
Moses-Mendelssohn-Preis aus der Hand des Regierenden Bürgermeisters Michael Müller
Moses-Mendelssohn-Preis aus der Hand des Regierenden Bürgermeisters Michael Müller
Für den evangelischen Theologen war diese Würdigung zusammen mit dem Fußball-Profi auch deshalb eine besondere Freude, hätte er doch beinahe denselben Berufsweg eingeschlagen wie Boateng. War es ein Wink des HERRn, dass ihm damals ein Arzt aufgrund gesundheitlicher Bedenken davon abgeraten hatte?
Der 18-jährige Peter von der Osten-Sacken mit der Spielernummer 10
Der 18-jährige Peter von der Osten-Sacken mit der Spielernummer 10
Gesundheitlich war er in den letzten Jahren tatsächlich sehr beeinträchtigt, doch hielt er bis zum 28. Juni 2022 durch, bis er kurz zuvor sein letztes Buch fertiggestellt hatte, das im Mohr Siebeck Verlag unter dem Titel „Christlicher Baum und jüdische Wurzel. Zusammenhänge, Analogien und Konturen des jüdischen und christlichen Gottesdienstes“ erscheinen wird.
Ergänzungen
Lediglich aus Platzgründen habe ich davon abgesehen, die Titel des Verstorbenen jeweils anzuführen: Prof. Dr. Dres. h.c. – zu den Laufbahntiteln erhielt er 2006 vom Hebrew Union College – Jewish Institute of Religion, Los Angeles/New York, den Doctor of Humane Letters honoris causa sowie im Jahr darauf die Ehrendoktorwürde des Fachbereichs Geschichts- und Kulturwissenschaften der Freien Universität Berlin. Seine Zurückhaltung ließ ihn auch seinen vollen Namen nicht nach außen hin verwenden; du findest ihn hier.
Anlässlich der Verleihung des Ehrendoktors veröffentlichte die FU Berlin den Lebenslauf und die Liste der Veröffentlichungen des Verstorbenen (beides später bis 2016 weitergeführt).
Nicht vergessen sei die Familie, obgleich in diesem Infobrief die private Sphäre gewahrt bleiben soll. Mein tiefes Mitgefühl gilt der Frau, den drei Töchtern sowie den Enkeln des Verstorbenen.
10 Leitsätze zum christlich-jüdischen Verhältnis
Zum Faltblatt Amen? Impulse aus dem jüdisch-christlichen Gespräch für evangelische Gottesdienste, hrsg. von der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz in Kooperation mit dem Institut Kirche und Judentum hat Peter von der Osten-Sacken 2019 diese Leitsätze beigesteuert:
In den letzten Jahrzehnten sind mit Blick auf das christlich-jüdische Verhältnis wichtige Erkenntnisse gewonnen oder wiedergewonnen worden. Dazu gehören:
1. Juden und Christen leben in der Bindung an denselben Gott, auch wenn sich Glaube und Leben beider Gemeinschaften auf unterschiedliche Weise Ausdruck verschaffen.
2. Die Kirche ist durch Jesus Christus mit der sehr viel älteren Geschichte Gottes mit seinem Volk Israel auf Dauer verbunden.
3. Christen haben mit Juden deren Heilige Schriften (Jüdische Bibel / Altes Testament) gemeinsam und sie bekennen sich zu dem Juden Jesus von Nazareth als Messias. Durch beide Tatbestände stehen Christen in einem besonderen Verhältnis zum jüdischen Volk.
4. Die Erwählung Israels (die Zuwendung Gottes zu Israel) ist deshalb, weil Israel Jesus nicht als Messias anerkennt, nicht beendet. Sie bleibt vielmehr nach Aussage des Neuen Testaments gültig (Paulus, Römerbrief, Kap. 9–11, bes. Kap. 11). In der Kirchengeschichte ist dies zum Schaden von Juden und Christen oft vergessen, verdrängt oder bestritten worden.
5. Die Beziehung von Christen zu Juden schließt die Achtung der jüdischen Gemeinschaft in ihrem Selbstverständnis ein. In einem durch Achtung bestimmten Verhältnis sind stets auch kritische Fragen in bestimmten, konkreten Zusammenhängen möglich.
6. Das „Gesetz“ (= die 5 Bücher Mose / die Tora) hat in biblisch-jüdischem Verständnis eine sehr viel reichere Bedeutung als das Wort „Gesetz“ in christlicher Sicht. Für Israel ist das Gesetz / die Tora Unterpfand der Erwählung und bindendes Wort Gottes, Gabe und Verpflichtung.
7. Beide Gemeinschaften – Juden und Christen – haben dasselbe Recht auf ihre Wahrheitsgewissheit und dasselbe Recht, ihr durch Wort und Schrift Ausdruck zu verschaffen. Dies gilt im Sinne des Grundgesetzes, aber auch gemäß heutiger kirchlicher Auffassung.
8. Angemessen ist ein Zugang auf das jüdische Volk im Sinne des Gesprächs, des wechselseitigen Hörens und Verstehens, des Fragen und Antwortens. In einem solchen Gespräch kommt wie von selbst das zum Ausdruck und wird das bezeugt, wovon jede Seite lebt. Solche Gespräche werden jedoch verengt und letztlich beendet, wenn sie mit dem Ziel geführt werden, den anderen zu „bekehren“.
9. Das christlich-jüdische Verhältnis wird dann eine heilsame Zukunft haben, wenn es von Vertrauen bestimmt ist. Gefragt ist entsprechend ein glaubwürdiges, sich bewährendes christliches Verhalten.
10. Der jüdische religiöse Denker Martin Buber hat einmal gesagt, Juden und Christen hätten ein Buch und eine Hoffnung gemeinsam. Das Buch kommt aus der Vergangenheit, die Hoffnung ist auf die Zukunft (Reich Gottes) gerichtet. Zwischen beiden liegen die Aufgaben und Chancen der Gegenwart.
Mit ahavta - Begegnungen werde ich Aufgaben wie Chancen zu ergreifen versuchen.
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