ahavta - begegnungen

Von Ricklef Münnich

ahavta begegnet Rabbiner Dr. Walter Rothschild

#80・

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ahavta - begegnungen
ahavta begegnet Rabbiner Dr. Walter Rothschild
Von Ricklef Münnich • Ausgabe #80 • Im Browser ansehen
Etwa alle fünf Wochen spricht Rabbiner Rotschild das wöchentliche „Wort zum Schabbat“ bei ahavta - Begegnungen. Daher wird dir sein fragender Auslegungsstil bei den Wochenabschnitten der Tora vertraut sein. Er liebt es, die „Leerstellen“, die Lücken, das Ungesagte in den fünf Büchern Mose aufzuspüren. Es ist oft erhellend, was er damit ans Licht bringt. Mindestens aber lernst du, wie wichtig es ist, die richtigen Fragen zu stellen.
Heute möchte ich dir einen Podcast vorstellen, in dem er in einem Gespräch von gut 90 Minuten seine „Methodik“ auf verschiedene politische, kulturelle und gesellschaftliche Themenbereiche anwendet. Vor allem aber geht es natürlich um das jüdische Leben in Deutschland heute.
Unbedingte Hör-Empfehlung!

Geister und Gespräche
Zwei Folgen einer neuen Podcast-Reihe von Adrian Schneider sind bislang unter dieser etwas merkwürdigen Überschrift erschienen. Deren Doppelsinnigkeit mag jedoch beabsichtigt sein. Die jüngste erschien am 23. Oktober als langes, ruhiges Gespräch mit Rabbiner Dr. Walter Rothschild. Jede Minute ist hörenswert, weil man mindestens jeweils drei weitere über das Gesagte nachdenkt. Insofern im besten Sinne des Wortes: inspirierend.
Mit einem kleinen Ausschnitt aus dem Podcast möchte ich dir zeigen, was ich meine. In diesem bezeichnet Rothschild als Jude als ein „Hauptproblem“ in Deutschland, „dass Deutschland nicht mehr sehr christlich ist“.
Rabbiner Walter Rothschild über das nicht mehr christliche Deutschland
Rabbiner Walter Rothschild über das nicht mehr christliche Deutschland
Das ganze Gespräch kannst du dir über den folgenden Link anhören. Nebenbei, an einer Stelle kommt Walter Rothschild auch auf meine Person zu sprechen.
Liberales Judentum / Rabbiner Dr. Walter L. Rothschild - Geister und Gespräche | Podcast auf Spotify
Über den universal gelehrten Rabbiner
Im „Wort zum Schabbat“ kommt zumeist nur eine der vielen Seiten von Walter Rothschild zur Geltung. Deshalb will ich die Gelegenheit nutzen, dir ein paar weitere vorzustellen.
Rothschild ist natürlich zuerst Rabbiner, der Theologie und Pädagogik in Cambridge studiert hat und dann das Rabbinerstudium am Leo-Baeck-College in London absolvierte. Seit seiner Ordination war Walter Rothschild in zahlreichen jüdischen Gemeinden als Rabbiner tätig – u.a. in Großbritannien, auf Aruba in der südlichen Karibik, in Berlin und Wien, zuletzt etwa in Hamburg und Warschau. Dass er dabei stets auch Gesprächspartner im christlich-jüdischen Dialog ist, hast du schon wahrgenommen.
Auch mehrere Bücher hat er geschrieben bzw. übersetzt. Für Menschen, die sich für das Judentum interessieren, ist besonders hervorzuheben:
Der Verlag meint:
Walter Rothschild zeigt in seiner kritischen Einführung, wie das Judentum »funktioniert«. Darum stellt er die vielen kleinen Dinge des jüdischen Fest- und Alltages ins Zentrum. In tiefer Liebe zur Tradition des liberalen Judentums und im heiteren Wissen um die Unzulänglichkeiten des allzu Menschlichen ist sein Werk ein hilfreicher und unterhaltsamer Wegweiser in und durch das jüdische Leben.
Rothschilds Beiträge in der „Jüdischen Allgemeinen“ siehst du hier in einer Übersicht. Erst in dieser Woche stellte er dort die Frage: „Kann denn Schinken Sünde sein?
Seinen mitunter nicht nur jüdischen, sondern auch britischen Humor lebt Rothschild aus in Rabbi Walter Rothschild and The Minyan Boys. Die „Greatest Hits Volume 2“ erschienen 2012.
Seit 2016 gibt es auch ein Duo-Programm zusammen mit Max Doehlemann. In diesem erzählt er aus seinem Leben und singt „leider Lieder“, weshalb er es „Leiderabend“ nennt.
In Deutschland eher weniger bekannt ist seine Leidenschaft für die Eisenbahn. Im Dezember 2007 wurde er am King’s College in London mit einer Doktorarbeit über die Palestine Railways promoviert. Bereits seit 1989 erscheint seine Zeitschrift HaRakevet. Das hebräische „HaRakevet“ bedeutet auf Deutsch „Der Zug“ oder „Die Eisenbahn“. Sie ist das weltweit einzige Organ, das sich auf Nachrichten und historisches Material über die Eisenbahnen im Nahen Osten und insbesondere in Israel spezialisiert hat.
Ein Höhepunkt ist es natürlich für Walter Rothschild, wenn Tora- und Eisenbahn-Liebe zusammenkommen, wie etwa 2012, als die liberale Chawurah-Gescher-Gemeinde in Freiburg eine neue Tora-Rolle bekam. Im Straßenbahnwagen, mit viel Feierstimmung am Ende des jüdischen Laubhüttenfests las er aus der Tora vor.
Die Tora in der Straßenbahn in Freiburg
Die Tora in der Straßenbahn in Freiburg
Falls du nun noch mehr über die Lebensgeschichte von Walter Rothschild erfahren möchtest, so kannst du eine Sendung in WDR 2 vom Februar 2021 nachhören:
Walter Rothschild, deutsch-britischer Rabbiner - Jörg Thadeusz - Der Talk - WDR 2
Wolf Biermann wurde 85
Am 15. November feierte Wolf Biermann seinen 85. Geburtstag. In den Medien wurde er aus diesem Anlass vielfach gewürdigt, zum Beispiel hier:
Wolf Biermann: Der radikale Kritiker wird 85 | 15.11.2021
Ein Beitrag, in dem besonders sein jüdischer Vater und seine Beziehung zum Staat Israel zur Sprache kommt, erschien freilich bereits 2006, ein Gespräch mit Christian Böhme:
„Ich teile mit ihnen das Lebensschicksal“ | Jüdische Allgemeine
An dieser Stelle möchte ich auf eine besondere Leistung von Wolf Biermann aufmerksam machen. Im März 1944 vergrub der Dichter Jizchak Katzenelson sein letztes Werk unter den Wurzeln eines Baumes. Eine Kopie allerdings ließ er in den Ledergriff eines Reisekoffers einnähen, der, zusammen mit seiner Besitzerin, wenig später nach Palästina gelangte.
So, auf diesem abenteuerlichen Wege, kam Jizchak Katzenelsons „Dos lied vunem ojsgehargetn jidischn volk“ unter die Menschen - eines der ergreifendsten Dokumente des Holocaust. Katzenelson selbst wurde am 1. Mai 1944 in Auschwitz ermordet.
Wolf Biermann hat 1994 Katzenelsons Poem nachgedichtet, mindestens so sprachgewaltig wie der jüdische Dichter. Hermann Adler, der erste Katzenelson-Übersetzer, hatte noch eher streng „in die Hochsprache der Mörder übertragen“, Biermann hingegen trug mit seiner Nachdichtung in den „Großen Gesang“ Wut und Empörung ein: Großer Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk.
Abschließend möchte ich dir den Schluss des neunten Liedes von Jizchak Katzenelson aufschreiben, in dem es um den Christus und die Christen geht – hier allerdings in der Übersetzung von Hermann Adler:
Kein Gott, ihr Himmel, lebt in euch.
die Tore auf, ihr Himmel - Himmel, auf, auf, auf!
Die Kinder meines ausgerotteten,
zerquälten Volkes kommen. Hört den Spott
Der Welt: Welch große Himmelfahrt!
Ein ganzes Volk, gekreuzigt, fährt zu euch hinauf.
Und Christus gleicht ein jedes Kind;
denn jedes hat gelitten wie ein Christengott.
Ihr Himmel, wüste, von
der Liebe ungefüllte Himmel, heilige voll Lug,
Ich habe meinen Gott, den Einzigen,
in euch verloren. Christen brauchen: Drei.
Drei Gottgestalten: Denn:
Ein Jude, der am Kreuz sie heilt, ist ihnen nicht genug.
Uns alle kreuzigen sie für
euch, Himmel - Oh, gemeine Götterdienerei!
Freut euch, ihr Himmel. Freut euch. Arm
seid ihr gewesen, reich geworden, überreich.
Wie ist der Schnitt gesegnet, seht:
ein ganzes Volk! Nun seid ihr, Himmel, voll! voll. voll.
Freut euch, ihr Himmel, mit
dem Deutschen! Und der Deutsche freue, Himmel, sich mit euch!
Verbrennt die Erde. Und
die Erdenflamme steige auf, die euch verbrennen soll!
Alles Gute für dich und herzliche Grüße
Dein Ricklef
PS: Morgen, um 14 Uhr, spricht Rabbiner Andrew Steiman das Wort zum Schabbat.
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