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ahavta - begegnungen erinnert an den Kirchentag in Berlin vor 60 Jahren

ahavta - begegnungen
ahavta - begegnungen erinnert an den Kirchentag in Berlin vor 60 Jahren
Von Ricklef Münnich • Ausgabe #51 • Im Browser ansehen
Drei Wochen vor dem Mauerbau, der vor 60 Jahren, ab dem 13. August 1961 Berlin zerteilte, läuteten die Glocken der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche am 19. Juli den 10. Deutschen Evangelischen Kirchentag ein. Dies war für Jahrzehnte das letzte Großereignis, zu dem Menschen aus Ost und West zusammenkommen konnten.
Der Kirchentag war zugleich die Geburtsstunde der Arbeitsgemeinschaft Juden und Christen beim DEKT. Zum ersten Mal nach der Shoa fand eine von Juden und Christen gemeinsam verantwortete „neue Begegnung von Juden und christlicher Gemeinde statt“. Die Erinnerung daran zeigt Erreichtes und seitdem bleibend Aktuelles in der Erneuerung des christlich-jüdischen Verhältnisses.

Glocken rufen zum Gebet und zur Umkehr
Der Gottesdienst in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche am 18. Juli 2021 mit Pfarrer Martin Germer (einem einstigen Mitstudenten an der Kirchlichen Hochschule Berlin) wird unter der Überschrift „Friede sei ihr erst Geläute!“ beides verbinden, das Gedenken an die Weihe der Glocken im Neuen Turm der Kirche vor 60 Jahren und die Aufbrüche, die der Berliner Kirchentag 1961 auf dem Weg zu einer Neuorientierung in der evangelischen Haltung zum jüdischen Volk bedeutete.
Du kannst den Rundfunkgottesdienst am Sonntag um 10 Uhr im Livestream bei rbbKultur 92,4 MHz mitfeiern. Dazu lade ich dich ein:
Livestream - rbbKultur live hören
Veranstaltung der AG Juden und Christen beim Berliner Kirchentag am 21.07.1961
Veranstaltung der AG Juden und Christen beim Berliner Kirchentag am 21.07.1961
Überwältigendes Interesse der Berliner
Der Erfolg der dreitägigen Veranstaltungen auf dem Berliner Kirchentag übertraf alle Erwartungen. Das Programm der AG Juden und Christen füllte nicht nur die größte Berliner Messehalle mit 5000 Sitzplätzen, es wurden Übertragungen ins Freie und in Nachbarhallen nötig; dabei kam etwa die Hälfte der Besucher aus dem Osten der Stadt. Es war die am stärksten besuchte Veranstaltung des Kirchentages. Und sie war ebenso anspruchsvoll wie innovatorisch.
Ein Erstmaliges, das seine Bedeutung auch dann nicht einbüßt, wenn man an das Meer von Blut und Tränen denkt, das wir zuvor durchschreiten mussten. (Rabbiner Robert Raphael Geis)
Rabbiner „Geis betonte sehr stark eine Gemeinsamkeit von Juden und Christen, die darin besteht, dass das Christentum gesellschaftlich nicht mehr mehrheitsfähig ist, wohl aber gesell- schaftskritisch wirkt, wenn es sich endlich als das begreift, was es ist, eine Minorität, die mit dem macht- und mammonkritischen Gott Israels lebt und nicht irgendwelchen anderen Göttern und Mächten dient.“ (Zitat Martin Stöhr) Wenn dies schon 1961 in überfüllten Messehallen galt, um wieviel mehr heute, da die Menschen in Scharen den großen Kirchen den Rücken zukehren, weil diese nicht leben, was sie sind!
„Judenfeindschaft ist Gottlosigkeit“
Zum ersten Mal wurde 1961 durch die AG Juden und Christen auf dem Kirchentag eine Resolution verabschiedet. Sie löste stürmische Diskussionen aus. Die Kritik sprach, zum Teil wütend, zum Teil ge- schockt, vom „Ausverkauf der Kirchengeschichte“, ein anderer Vorwurf hieß „Schwärmerei“. Man sprach von einer „Revolution der gesamten christlichen Theologie“. Andere erinnerten daran, dass „Juden und Christen doch nicht den gleichen Gott“ hätten. Was wurde denn damals gesagt?
Ecclesia und Synagoge vom Straßburger Münster (Repliken)
Ecclesia und Synagoge vom Straßburger Münster (Repliken)
Juden und Christen sind unlösbar verbunden. Aus der Leugnung dieser Zusammengehörigkeit entstand die Judenfeindschaft in der Christenheit. Sie wurde zu einer Hauptursache der Judenverfolgung. Jesus von Nazareth wird verraten, wenn Glieder des jüdischen Volkes, in dem er zur Welt kam, als Juden missachtet werden. Jede Form von Judenfeindschaft ist Gottlosigkeit und führt zur Selbstvernichtung.
Im selben Jahr 1961 fand in Jerusalem der Prozess gegen Adolf Eichmann statt (siehe ahavta - Begegnungen #23). Dazu erklärte die AG Juden und Christen:
Der gegenwärtig in Jerusalem stattfindende Prozess geht uns alle an. Wir evangelischen Christen in Deutschland erkennen, dass wir darin schuldhaft verwickelt sind. Im Zeichen des Umdenkens und der Umkehr bitten wir die deutsche Öffentlichkeit, für folgendes einzutreten…
Aus den vier Folgerungen sei hier hervorgehoben:
Eltern und Erzieher sollen gegenüber der jungen Generation das Schweigen brechen, eigenes Versagen eingestehen und die Ursprünge der Verbrechen ans Licht bringen…
Wo Juden unter uns leben, sind wir verpflichtet, ihr Leben und Wohlergehen nach bestem Vermögen zu fördern. (Ebenso alles, was) dem Aufbau und dem Frieden des Staates Israel und seiner arabischen Nachbarn dient.
Gegenüber der falschen, in der Kirche jahrhundertelang verbreiteten Behauptung, Gott habe das Volk der Juden verworfen, besinnen wir uns neu auf das Apostelwort: „Gott hat sein Volk nicht verstoßen, das er zuvor ersehen hat“.
Der jüdische Weg von Gott zu Gott war damit erstmals von evangelischer Seite als eigener Wert und Weg anerkannt. Aber was bedeutet diese Anerkennung und Wertschätzung in der Praxis christlicher Existenz und kirchlichen Lebens? Diese Frage scheint auch nach 60 Jahren noch immer weitgehend offen zu sein…
Jüdische Tora-Auslegung hören
Unter dem Titel „Der ungekündigte Bund. Neue Begegnung von Juden und christlicher Gemeinde“, erschienen 1962 „im Auftrag der Arbeitsgemeinschaft Juden und Christen beim Deutschen Evangelischen Kirchentag herausgegeben von Dietrich Goldschmidt und Hans-Joachim Kraus“ die Ergebnisse des Berliner Kirchentages.
ahavta - Begegnungen versucht aus der Erkenntnis des lebendigen jüdischen Verhältnisses zum gemeinsamen Gott eine sich zwingend ergebende Folgerung umzusetzen: Auf die Leseweise der Tora, der fünf Bücher Mose, durch SEIN Volk Israel zu hören. Du kannst mit zuhören und auch zuschauen, wenn morgen um 14 Uhr Rabbiner Andrew Steiman im Gespräch mit mir sein Wort zum Schabbat spricht. Melde dich (einmalig) hier dazu an!
Nachlese: Reuven Rivlin
In der vergangenen Woche stieß ahavta - Begegnungen mit einem Malka-Bier auf den als israelischer Staatspräsident verabschiedeten Reuven Rivlin an. Das Etikett der Flaschen-Sonderedition wurde von Amit Shimoni gestaltet. Rivlin gefiel seine „neue Identität“ so gut, dass er seine Darstellung bei Twitter zum neuen Profilbild machte:
Eylon Levy
Ruvi Rivlin's new profile picture now he's an ordinary civilian. https://t.co/MQJcJ5kKHC
Ob Bundeskanzlerin Angela Merkel, wenn sie in den verdienten Ruhestand gegangen sein wird, wohl auch den Humor dazu haben wird?
Angela Merkel, gesehen von Amit Shimoni
Angela Merkel, gesehen von Amit Shimoni
Auch der neue israelische Staatspräsident Jizchak Herzog wurde von Amit Shimoni bereits „porträtiert“ – verbunden mit den Worten: „Wishing us all a peaceful and colorful next 7 years.“
Jizchak Herzog, gesehen von Amit Shimoni
Jizchak Herzog, gesehen von Amit Shimoni
Was du diese Woche bei ahavta+ versäumt hast
  • Was bedeutet eigentlich Koscher? In der Videothek des Judentums beantwortet von Rabbiner Andrew Steiman
  • Ist der Aufruf zum Mord an Juden noch strafbar? Angefragt von Chaim Noll, der vorgestern in Israel Geburtstag hatte.
  • Eine neue Iran-Politik Israels? Eine Frage, die die neue Regierung unter Naftali Bennett dabei ist zu beantworten.
  • Welche Zukunft hat Mahmoud Abbas? Das fragen Demonstranten in den palästinensischen Städten immer lauter.
  • Führt der Raketenkrieg der Hamas diese und Israel „zurück auf Los“? Nur politische Ehrlichkeit in Israel bringt „Bewegung ins Spiel“.
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Herzliche Grüße aus Erfurt sagt
Dein Ricklef
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