ahavta - begegnungen

Von Ricklef Münnich

ahavta - begegnungen fragt nicht, wer Jude ist

#68・

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ahavta - begegnungen fragt nicht, wer Jude ist
Von Ricklef Münnich • Ausgabe #68 • Im Browser ansehen
Als Pfarrer in einem Dorf mit DDR-Vergangenheit traf ich sie beständig – Menschen, die sich „irgendwie“ als Christen oder gläubig bezeichneten, aber der örtlichen Kirchengemeinde nicht angehörten. Einige waren als Kind getauft, wenige wurden konfirmiert, dafür fast alle jugendgeweiht. Nur (wieder) eintreten in die „Gemeinschaft der Heiligen“ wollten sie fast alle nicht. Denn an der Kirche hatten sie viel zu kritisieren. So bauten sie sich „irgendwie” ihren eigenen Glauben. Phänomene von Religion in einer säkularisierten und individualisierten Gesellschaft…
Nun haben auch die jüdischen Gemeinschaften in Deutschland mit diesen zu tun.

Eine innerjüdische öffentliche Debatte: Wer ist Jude?
Losgetreten hatte sie der Schriftsteller Maxim Biller, der in der ZEIT vom 12. August über ein Gespräch mit dem Publizisten Max Czollek berichtete: Der linke Intellektuelle Max Czollek und seine komplizierte Biografie. Czollek, über den der Klappentext seines 2018 erschienen Essays „Desintegriert euch!“ die Auskunft gab: „dreißig, jüdisch und wütend“, und eine Rezensentin, auch in der ZEIT meinte, er schriebe „aus jüdischer Perspektive gegen das Integrationsparadigma an“, sei für ihn, Maxim Biller „kein Jude“.
„Check deine Halacha“, riet ihm Biller, denn sein jüdischer Großvater wäre kein jüdisches Argument der Abstammung, wenn die Mutter seines Vaters „keine Jüdin war“.
Nachdem daraufhin Meron Mendel bei ZEITonline „patrilineare Juden“, also Menschen mit einem jüdischen Vater und einer nichtjüdischen Mutter, als „Juden zweiter Klasse“ bezeichnet hatte und deren Gleichbehandlung forderte, kam es in der Jüdischen Allgemeinen zur Diskussion „Wer ist jüdisch?“, in die sogar Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, eingriff:
Die Biografie des Großvaters kann aber die jüdischen Religionsgesetze nicht außer Kraft setzen. Ob man jüdisch ist oder nicht, richtet sich nach den Regeln der Religion.
Rabbiner Andreas Nachama, Vorsitzender der Allgemeinen Rabbinerkonferenz Deutschland, benannte das Problem in der christlichen Internetzeitung EULE so: „Aufregung entsteht, wenn jemand mit dem Kopf durch die Wand will, und sagt: ‘Ich bin säkular, aber ich will als Jude anerkannt sein!’“
Zuletzt stellte Jacques Schuster, Chefkommentator der WELT, die Debatte auf eine breitere Ebene und schrieb „Von der deutschen Sehnsucht, Jude zu sein“:
Bis in unsere Tage hinein ist der Holocaust vielen Deutschen im Allgemeinen, den nicht-jüdischen Intellektuellen im Besonderen ein Objekt der Begehrlichkeit. Im tiefsten Herzen schlummert der Wunsch, auf der guten Seite zu stehen – und der Irrglaube, in jedem Sinn und Unsinn, den man von sich gibt, als Quasijude geschützt zu sein.
Ahnungslos oder bewusst entnehmen sie (Czollek und „zahlreiche andere Möchtegern-Juden, die sich immer lauter und aufdringlicher zu Wort melden”) die Definition des Jüdischen den Nürnberger Gesetzen vom September 1935. Nicht die jüdische Religion, nur die Wahnsinnslumperei dieses Gesetzes spricht von „Halb-“ und „Vierteljuden“, die alle irgendwie doch mosaisch seien. Czollek kümmert es nicht – in seinen Augen ist er ein Jude, weil sein Großvater jüdisch war.
Czollek jedenfalls maßt sich eine Rolle an, die verlogen ist. Will er Jude sein, soll er konvertieren.
ahavta - Begegnungen möchte über diese Debatte informieren, ihrer hauptsächlichen Austragungsorte in nichtjüdischen Medien zum Trotz selbst nicht Stellung beziehen. Stattdessen soll Rabbiner Dr. Walter Rothschild abschließend zu Wort kommen. In seinem nützlichen Buch „99 Fragen zum Judentum“ beantwortet er die erste der 99 Fragen „Wer sind eigentlich die Juden?“ resümmierend:
Für den Augenblick – „die Juden“ ist ein Oberbegriff, der für diejenigen benutzt wird, die jüdischen Gemeinden angehören, und für diejenigen, die – wenn sie auch entschieden haben, keine Mitglieder zu sein, oder wenn sie auch weitab jeder Gemeinde wohnen – doch Mitglieder sein könnten, wenn sie wollten. Diese Definition mag einigen unfair erscheinen – aber letztlich scheinen doch alle Definitionen für irgend jemanden unfair zu sein!
Isaac Bashevis Singers Bittgesuch an Gott
Im Nachlass des Nobelpreisträgers Isaac Bashevis Singer (ca. 1903-1991) wurde ein sehr persönliches, tief bewegendes Gebet entdeckt. Darüber berichtete David Stromberg, Jerusalem, am 13. Mai in dem New Yorker Online-Magazin Tablet. Das hebräisch verfasste Gebet wurde handschriftlich auf die Rückseite einer von Riesner & Gottlieb auf Singer ausgestellten Mietquittung geschrieben, aus der hervorgeht, dass er in 410 Central Park West, Apartment 12F, wohnte und für März 1952 73,50 Dollar bezahlte.
Die Mietzahlungsquittung, auf deren Rückseite Isaac Bashevis Singer sein hebräisches Gebet schrieb
Die Mietzahlungsquittung, auf deren Rückseite Isaac Bashevis Singer sein hebräisches Gebet schrieb
Zur zeitlichen Einordnung in Singers Biographie: Am 15. November 1952 veröffentlichte er im Forverts unter einem seiner bekannteren Pseudonyme, Yitskhok Varshavski, einen Artikel mit dem Titel “Mentshn vos gloybn un mentshn vos tsveyfln” (Menschen, die glauben und Menschen, die zweifeln). Der Artikel endet mit seinem persönlichen Credo: „Di elementn fun yidishkayt zaynen aynfakh: es iz a gloybn in an eyntsikn got un az der got iz in grunt gut un farlangt fun mentsh tsu zayn gut oyf zayn shteyger. Oyf di dosike aksiomen ken men boyen in yedn dor. Dos is der fundament, vos keyn shum vintn konen nit avekblozn“.
Die Elemente des Judentums sind einfach: Es ist ein Glaube an einen einzigen Gott, einen Gott, der grundsätzlich gut ist und der will, dass die Menschen auf ihre Weise gut sind. Jede Generation kann auf diesen Axiomen aufgebaut werden. Es ist ein Fundament, das kein Wind wegblasen kann.
Singers Gebet beginnt mit den Worten:
Meister der Welt, erfülle mein Herz mit Liebe für mein Volk und mit Ruhe für die Seele. Lass mich den Schöpfer in jedem einzelnen Geschöpf sehen, seine Barmherzigkeit für jedes Ding, das er erschaffen hat. Es gibt keinen einzigen Wassertropfen und kein Staubkorn, in dem dein Licht fehlt oder das sich außerhalb deines Bereichs befindet. Es gibt kein Geschöpf ohne seinen Schöpfer. Diejenigen, die das wissen, leben stets in Freude.
Du kannst dieses wichtige Zeugnis der Spiritualität von Isaac Bashevis Singer, das auch heute als Gebet vernommen und gesprochen werden sollte, vollständig am kommenden Sonntag bei ahavta+ lesen. Schließe doch dazu – und für die weiteren Beiträge in meiner Premium-Ausgabe – ein Monatsabonnement ab!
Kommenden Sonntag in Jerusalem
Beim nächsten Gespräch „unter dem Feigenbaum“ von Dr. Johannes Gerloff kannst du wieder live dabei sein – und auch mitreden oder Fragen stellen. Wir beginnen kurz vor der Schließung der Wahllokale am 26. September um 17 Uhr. Hier kannst du dich anmelden bzw. der Gesprächsrunde beitreten:
Sonntag, 17 Uhr, in Jerusalem
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ahavta+ folgt dem traditionsgebundenen Judentum
ahavta+ erinnert an die Einweihung der Erfurter Synagoge 1884
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